Retro der Woche 25/2026

Immer wieder finde ich es interessant, auf welche verschiedene Arten Autoren in ihren Beweispartien verschiedene Themen verbinden oder ein Thema mit mehreren Steinen darstellen.

Da gibt es die Möglichkeit der einfarbigen Darstellung oder Verteilung des Themas auf Weiß und Schwarz. Da können Themen mit einer Steinart oder mit mehreren unterschiedlichen gezeigt werden, da können auch verschiedene Themen miteinander verbunden werden — auch da wieder über eine oder über zwei Farben, über gleiche oder verschiedene Steinarten.

Ein wahrer Meister darin, immer wieder interessante Kombinationen zu erfinden und aufs Brett zu zaubern, ist Silvio Baier. Von ihm möchte ich euch heute eine Beweispartie von ihm aus dem vierten Heft des 2025-er Jahrgangs von Probleemblad vorstellen.

Silvio Baier
Probleemblad 2025
Beweispartie in 26.5 Zügen (14+13)

 

Bei Silvio ist es nicht allzu schwer, darauf zu tippen, dass thematische Umwandlungen zentrale Bedeutung in der Aufgabe haben.

Daher will ich euch heute einladen, selbst erste Überlegungen zu möglichen Themen dieser Aufgabe anzustellen, bevor ihr weiterlest. Versucht dies so, wie wir es hier auf der Seite meist machen, also indem ihr sichtbare Züge zählt, vielleicht Reihenfolge-Abhängigkeiten identifiziert (etwa “X muss schon da stehen, bevor Y ziehen kann”) — besonders aber überlegt, welche fehlenden Steine wo geschlagen wurden. Dabei helfen natürlich Doppelbauern im Diagramm besonders, ebenso die Frage, was speziell mit fehlenden Bauern passiert sein kann: Geschlagen, umgewandelt? Was passiert dann nach der Umwandlung?

Und wenn ihr einige Fragen für euch beantwortet habt, könnt ihr euch auch an den ersten Löseversuch machen: Eine Menge wisst ihr schon, bevor ihr auch nur einen einzigen Zug gemacht habt!

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Retro der Woche 19/2026

Nach längerer Zeit möchte ich hier mal wieder ein klassisches Auflöse-Retro vorstellen von einem Klassiker dieses Genres hauptsächlich zum Ende des 20. Jahrhunderts.

Und anhand der vorliegenden Aufgabe können wir gemeinsam ein immer wieder interessantes Thema studieren, das sich recht häufig findet und sehr flexibel und abwechslungsreich genutzt werden kann.

Alexander Kisljak
The Problemist 1997, Thomas Volet gewidmet, Lob
Löse die Stellung auf (13+13)

 
Rein optisch fallen neben dem Schachgebot durch die schwarze Dame, das zeigt, dass Schwarz mit der Rücknahme beginnen muss, vielleicht die beiden Fesselungen sSb5 und wTd7 auf. Im Vorwärtsspiel sind diese Fesselungen absolut, solange der schwarze König auf c4 und der weiße Läufer auf a6 verbleibt, könnte der Springer niemals ziehen. Das ist bei Rücknahmen anders: Stünde beispielsweise ein weißer Turm auf h5, so könnte Sa7-b5 Tb5-h5+ zurückgenommen werden: Im Vorwärtsspiel entspricht das dem Abfeuern der Batterie durch den Turmzug, das Schach wird durch Selbstfesselung des Springers pariert. Dieses Manöver wird „Retro-Entfesselung“ oder „Ablösung“ genannt.

Zunächst aber zur Schlagbilanz: Alle Schläge durch Weiß erfolgten mit seinen Bauern (a2xb3, d2xc3 und e/gxf); bei Schwarz sind nur zwei Bauernschläge sichtbar, nämlich a4xb3 und h7xg6 — ein Schlag bleibt also noch frei.

Wir hatten schon gesehen, dass Schwarz das Schach aufheben muss, also muss er mit R: 1.— Dd8-e7+ beginnen — ob dabei entschlagen wird, wissen wir noch nicht. (Wer nun selbst lösen möchte, sollte noch nicht weiterklicken!)

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Retro der Woche 09/2026

Klassische Verteidigungsrückzüger finde ich deshalb so attraktiv, weil sie Retro- und Vorwärtsspiel auf einzigartige Weise miteinander verknüpfen. Das macht sie natürlich inhaltlich häufig komplex und anspruchsvoll — sowohl für den Komponisten als auch für den Löser.

Für heute habe ich eine Aufgabe ausgesucht, die durch ihre Zwillingsbildung schon Interesse weckt und in der sich unterschiedliche inhaltliche Komplexität zeigt. Insofern erscheint sie mir gerade für nicht so tief in der Materie steckende Retrofreunde besonders interessant und instruktiv.

Wolfgang Dittmann
O-O Spiegelzwillinge-TT 1981, 2. Preis
#1 vor 2 Zügen, VRZ Proca b) gespiegelt (a1<->h1) (11+8)

 
Über diese Aufgabe schreibt VRZ-Spezialist Wolfgang Dittmann in seinem Buch Der Blick zurück: „Die Stellung a) desZwillings bietet nicht viel Inhalt.“ Weiß hat mit seinen Bauern offenbar alle acht fehlenden schwarzen Steine geschlagen — dabei kam aber wBc6 nicht von g2, denn dann hätten alle Schlagfälle auf weißen Feldern erfolgen müssen, und der fehlende schwarzfeldrige Läufer könnte nicht erklärt werden. Also kommt er von f2, der Bauer auf f5 von g2.

Weiß kann bei seiner Rücknahme also nicht entschlagen: R: 1.Th3-e3, das droht R: 2.Sd5-e7 und v: 1.Th8#, dagegen verteidigt sich Schwarz mittels 1.— Kg8-f8 oder Kg8xSf8, doch nun kann Weiß 2.Sg6-e7+ zurücknehmen, wonach wieder v: 1.Th8# folgt.

Das hätte der Autor sicher nicht veröffentlicht, das hätte sicher keine hohe Auszeichnung erhalten, wenn im Zwilling alles analog liefe. Ja, die Zugfolgen von oben funktionieren auch in der gespiegelten Stellung, aber, man ahnt es, Schwarz kann sich dann besser verteidigen. Und wie, das sagt eigentlich schon die Quelle der Veröffentlichung, nämlich die von Hanspeter Suwe herausgegebene Zeitschrift „O-O“.

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Retro der Woche 08/2026

Ich kann nicht widerstehen: Nachdem ich vor zwei Wochen nach den beiden erstplatzierten Stücken (bereits in den Ausgaben 02/2023 bzw. 03/2023) des Yoav Ben-Zvi Gedenkturniers , gefordert waren Beweispartien mit zweckreinen Bahnungen bzw. Räumungen, auch schon das Stück auf Platz drei vorgestellt hatte, kann ich mir nun die Präsentation des (nur) viertplatzierten Problems nicht verkneifen, gerade weil mir das auch besonders gut gefällt.

Doch seht selbst: Ich bin sicher, dass ihr das überschwängliche Lob des Preisrichters Hans Gruber über die Qualität des Turniers nun noch eher nachvollziehen könnt.

Andrij Frolkin
Yoav Ben-Zvi Gedenkturnier 2022, 4. Preis
Beweispartie in 21 Zügen (13+15)

 
Bei Weiß sehen wir nur fünf erforderliche Züge im Diagramm — das ist schon erschreckend wenig. Bei Schwarz schaut es dann schon „beruhigender“ aus: 2+2+3+5+4+5=21 — alle schwarzen Züge sind also noch sichtbar.

Bei Schwarz fehlt damit nur der g-Bauer, der zuhause geschlagen worden sein muss, denn für ihn ist kein Zug mehr übrig. Es kann auch nicht der schwarze f-Bauer fehlen, denn dann hätte sBg7 zwei Züge bis f5 benötigt — einer mehr, als zur Verfügung steht.

Bei Weiß vermissen wir im Diagramm den weißfeldrigen Läufer und die f- und g-Bauern. Dem stehen zwei sichtbare Schlagfälle b7xc6xd5 entgegen, mit denen die weißen Bauern aber nicht direkt beseitigt werden konnten. Also hat zumindest der weiße f-Bauer nach Schlag auf g7 anschließend auf g8 umgewandelt.

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Retro der Woche 07/2026

Die klassischen Auflöse-Retros von Luigi Ceriani sind für mich immer wieder ein Genuss! Viele sind recht komplex, aber andere auch so, dass ein noch nicht sehr erfahrener Retrofreund sie doch sehr gut nachvollziehen und vielleicht auch lösen kann: Ich kann versprechen, das macht Spaß!

Ein relativ sparsames Stück von ihm möchte ich euch heute zeigen.

Luigi Ceriani
Vittorio de Barbieri Gedenkturnier 1943, 1. Preis
Erster Zug der schwarzen Dame? (9+12)

 
Obgleich elf Steine fehlen, ist kein einziger Schlag eines Bauern sichtbar; zunächst sind nur einige wenige Details klar: der weiße Turm auf a2 konnte sein Zuhause nicht verlassen, wir werden uns Gedanken machen müssen, wie beie Seiten ein Retropatt vermeiden, und dass zuletzt die schwarze Dame gezogen hat, ist klar, da sie dem weißen König Schach bietet; sie kann also nur von d8 kommen und muss dabei geschlagen haben, denn ohne eine auf e8 entschlagene Figur wäre Weiß sofort retropatt, da er c2-c3 nicht zurücknehmen kann, da dies den schwarzen König aussperren würde. Was wurde denn auf e8 entschlagen?

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Retro der Woche 49/2025

Normalerweise tut man so etwas ja nicht, aber ein wenig will ich heute spoilern: Wenn nicht noch völlig unvorhergesehene Dinge passieren, wird es vor Weihnachten noch die jeweils letzten Schwalbe und feenschach Hefte des Jahres 2025 geben. Und daher nehme ich mir schon mal die Freiheit, heute ein klassisches Retro vorzustellen, zu dem im Heft 264 die Lösung erscheinen wird:

Gerald Ettl
feenschach 2024
Letzte 15 Einzelzüge? (11+14)

 

Schauen wir nach Auffälligkeiten im Diagramm:

Sofort fällt der dritte weiße Turm auf, der also durch Umwandlung entstanden sein muss. Sehr auffällig ist auch der schwarze Bauer a2: Er kommt offensichtlich von f7 und hat auf seinem Weg alle fehlenden weißen Steine geschlagen.

Der Ost-Käfig kann nur durch die Rücknahme von g2-g4 geöffnet werden, dazu muss aber erst der noch zu entschlagende [Lf1] heimkommen.

Weiß schlug einmal auf die g-Linie, und der andere Schlag muss im Zusammenhang mit der Entwandlung des weißen Turm erfolgt sein. Warum?

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Retro der Woche 43/2025

Ende September erschien die September-Ausgabe (263) von feenschach, und darin findet ihr auch die Lösungsbesprechung der Urdrucke des Heftes 256.

Der dortige Urdruckteil war, durch unsere Retro-Brille gesehen, erfreulich groß: 14 Aufgaben, und darunter waren immerhin drei klassische orthodoxe Auflöse-Aufgaben.

Eine davon m möchte ich euch heute zeigen.

Gerald Ettl
feenschach 2024
Letzte 21 Einzelzüge? (10+14)

 
Schauen wir zunächst nach der Bauernstruktur: Schwarz hat alle fehlenden weißen Steine mit seinen Bauern geschlagen: a4xb3, dxc und gxf, fxexd, wobei wir noch nicht erkennen können, welcher der sBf3 und sBc2 von f7 oder von g7 kommen. Bei Weiß sehen wir die Schläge cxd und g2xh3.

Und da bei Schwarz ein Turm und der h-Bauer fehlen, ist klar, dass der schwarze Bauer auf h3 starb, der Turm also auf der d-Linie.

Damit sind alle fehlenden Steine durch Bauern geschlagen worden.

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Retro der Woche 34/2025

In der letzten Woche hatte ich hier die erstplatzierte Beweispartie des diesjährigen Champagne-Turniers vorgestellt — heute soll es mit dem zweiten Platz der Abteilung B (sonstige Retros) weiter gehen, das traditionell zahlenmäßig deutlich schwächer besetzt war.

Hier konnte Andrij Frolkin mit einer klassischen Auflöse-Aufgabe überzeugen, der gar nicht so schwer zu lösen ist, wie es beim ersten Blick auf das Diagramm wirken könnte:

Andrij Frolkin
Champagne-Turnier 2025, 2. Preis Abt. B
Löse die Stellung auf (14+13)

 

Bei Schwarz fehlen ein Springer, ein Bauer (von g7 oder h7 kommend) sowie der schwarzfeldrige Läufer — und damit ist ein möglicher weißer Kreuzschlag auf der b- und c-Linie nicht möglich: das wären zusammen mit g2xh3 drei weißfeldrige Schlagfälle. Also hat dieser Kreuzschlag durch Schwarz stattgefunden — dabei fehlen bei Weiß nur zwei Bauern!

Die müssen also mittels exSd7 und fxLg (neben gxBh3) geschlagen haben, um sich dann auf d8 und g8 umzuwandeln.

Was hat auf d8 umgewandelt? Das ist entscheidend für die Auflösung des Nordwest-Knotens, die nur durch d7-d6 erfolgen kann, denn vorher muss Weiß e6xSd7 und d8=X zurücknehmen.

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