Retro der Woche 09/2023

Die Karnevalszeit ist vorbei, die Schachfiguren haben den Alkohol auch wieder ausgedünstet (Retro der Woche 08/2023) — verblüffen uns aber vielleicht auch heute mit ihren Spaziergängen übers Brett. Und das sind sehr gut überlegte und nüchterne Wege, die sie Michel in der heutigen Aufgabe gehen lässt.

Michel Caillaud
10. WCCT 2016-2017, 3.-5. Platz
Beweispartie in 19,5 Zügen (13+13)

 

Das Zählen im Diagramm sichtbarer Züge ist bei Weiß sehr schnell erledigt, und auch das Ergebnis des Zählens bei Schwarz ist ernüchternd: 4+0+3+1+2+3=13: Deutlich mehr als bei Weiß, aber immer noch sind sechs Züge frei. aber zum Glück fehlen ja ein paar Steine, und mit deren Hilfe lassen sich vielleicht noch ein paar Schlussfolgerungen ziehen?!

Bei Schwarz fehlen neben einem Bauern vom Königsflügel noch [Dd8] und [Lf8]. Um nun die beiden weißen Doppelbauern (kommt Bg3 wohl von f2 oder von h2?) zu erzeugen, müssen sich entweder die beiden fehlenden Offiziere dort geopfert haben — dann sind nur noch zwei Züge frei — oder ein Offizier auf c3 und [Bg7] auf g3, dann bleibt nur noch ein weißer Zug frei.

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Retro der Woche 34/2022

Einen Geheimtipp für die Beweispartie-Freunde möchte ich einmal loswerden: Wenn euch eine Beweispartie von Reto Aschwanden über den Weg läuft, solltet ihr sofort alles liegen und stehen lassen, euch sofort auf die Aufgabe stürzen. Denn dieser Verfasser ist Garant für gehaltvolle, interessante und originelle Aufgaben — so ist es auch mit dem heutigen Beispiel.

Reto Aschwanden
Champagner-Turnier 2004, 1. Preis
Beweispartie in 23 Zügen (12+15)

 

Dem kundigen Thebaner verrät übrigens die Turnierangabe schon alles über die Umgebung, in der die Aufgabe veröffentlicht wurde: bei den Weltproblemschachtreffen WCCC richtet Michel Caillaud schon lange ein Retro-Turnier aus, in dem es was zu gewinnen gibt? Richtig! Die Turniere zeichnen sich schon lange durch eine hohe Qualität der eingereichten Aufgaben aus, und so ist es auch hier — bei dem Verfasser ja auch nicht besonders überraschend!

Beim Blick aufs Diagramm fällt sofort die schwarze Umwandlungsdame auf: entweder ist sie thematisch, oder das Thema ist so spektakulär, dass auch ein so großartiger Konstrukteur wie Reto sie als notwendig akzeptiert.

Der einzige Schlag durch Weiß war offenbar axb — und das heißt, dass sich ein schwarzer Bauer auf a1, b1 oder d1 umgewandelt hat. Der einzig sichtbare Schlag durch Schwarz ist hxXg, wobei X entweder der g-Bauer ist (ein weißer Bauer auf dem Königsflügel kann nicht aktiv geschlagen haben) oder ein Turm, denn bei Weiß fehlen die beiden Türme sowie [Bg2] und [Bh2].

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Retro der Woche 21/2022

Nach zweijähriger Corona-bedingter Pause treffen sich die Märchenschachfreunde wieder am Himmelfahrts-Wochenende in Andernach – wie seit dem ersten Treffen 1975 jedes Jahr, wenn man von den letzten beiden absieht.

Dort spielt traditionell auch Retroanalyse, häufig natürlich märchenschachlich gewürzt, eine wichtige Rolle, und so will ich zum Aufwärmen heute eine Märchen-Beweispartie vorstellen.

Circe ist sicher eine der fruchtbarsten und bekanntesten Märchenbedingungen überhaupt: Ein geschlagener Stein wird auf seinem Partieausgangsfeld wiedergeboren. Für Läufer und Dame ist dies eindeutig bestimmt (dabei übersieht man mögliche Umwandlungen großzügig), für Springer und Türme definiert man das Anfangsfeld mit gleicher Felderfarbe als Wiedergeburtsfeld (ein wS geschlagen auf d4 wird auf g1 wiedergeboren, ein auf d5 geschlagener auf b1). Bei Bauern nimmt man das Feld der zweiten bzw. siebten Reihe, auf der sie geschlagen wurden, als Anfangsfeld an. Ist dieses Feld besetzt, verschwindet das Schlagopfer ganz normal.

Der Autor unserer heutigen Aufgabe hat sich auch wieder angemeldet; sein Stück zeigt ein ganz typisches Circe-Thema.

Michel Caillaud
Probleemblad 1995
Beweispartie in 22 Zügen, Circe (16+16)

 

Eine mit orthodoxer Brille betrachtet natürlich sehr kuriose, völlig illegale Stellung! Irgendwie muss ja die schwarze Dame d8 verlassen haben, irgendwie müssen die Türme, Dame und König von Weiß mitten aufs Brett gekommen sein – und irgendwie müssen ja auch Läufer uf die Eckfelder gelangt sein.

Kann man denn aus der Stellung überhaupt etwas ableiten oder muss man wie wild probieren?

Zählen wir doch mal einfach die sichtbaren weißen Züge: 3+1+3+4+5=16 – da bleiben also noch sechs Züge übrig, um mit den Bauern freie Wege zu schaffen: Für König, Dame, Türme, aber auch für die Läufer, damit sie auf die Eckfelder kommen.

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Retro der Woche 12/2022

Korrektur 25.3.22: Stellung durch Co-geprüfte (Die Schwalbe VI/2016, S. 525) ersetzt

Im Zusammenhang mit dem Retro der letzten Woche hatte ich erwähnt, dass der Retro-Schwalbe-Jahrgang 2015 „bärenstark“ gewesen sei. Das will ich auch gern noch einmal anhand der Beweispartien zeigen. Den ersten und dritten Preis konntet ihr bereits in den Retros der Woche 33/2019 (mit 12 Punkten im FIDE-Album!) bzw. 52/2020 ansehen. Heute will ich auf das sechstplatzierte Stück eingehen – übrigens die erste der „Nicht-Dupont-Baier“ Aufgaben in diesem Bericht.

Roberto Osorio & Joaquin J. Lois
Die Schwalbe 2015 (V), 2. ehrende Erwähnung
Beweispartie in 16 Zügen (13+15)

 

Wenn man sich die Diagrammstellung anschaut, fällt auf, dass der weiße König im Schach steht, dass der Schachzug schlagend gewesen sein muss. Dann fällt auf, dass kein Schlag durch irgendwelche Doppelbauern verraten wird.

Bei Weiß fehlt neben dem [Ba2] noch ein weiterer Bauer (vermutlich der [Bd2], aber das wissen wir noch nicht genau) sowie [Lf1]. Bei Schwarz fehlt nur ein Bauer, vermutlich der [Bc7].

Das hilft noch nicht viel weiter – schauen wir nach den offensichtlichen Zügen.

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Retro der Woche 01/2022

Im Retro der Woche 42/2021 hatte ich den ersten Preis in der Beweispartie-Abteilung des Retro-Turniers 2019 in der Schwalbe vorgestellt. Heute will ich den zweiten Preis folgen lassen, der mir auch sehr gut gefällt, da er eine sehr originelle Idee höchst elegant präsentiert.

Reto Aschwanden
Die Schwalbe 2019, 2. Preis Gruppe A
Beweispartie in 18,5 Zügen (14+14)

 

Kein einziger Bauernschlag ist im Diagramm auszumachen, bei Schwarz ist nur ein einziger Zug zu sehen — also beginnen wir mit dem Zählen der weißen Züge: Sicherlich können wir daraus erste Schlüsse ziehen.

Also: 3+1+3+4+1+5=17 — zwei Züge sind noch frei. Aber waren wir da nicht zu optimistisch? Was passierte beispielsweise auf der h-Linie?

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Retro der Woche 46/2020

Ein wichtiges Ziel beim Komponieren von Beweispartien ist für viele, in der Diagrammstellung möglichst wenig von Inhalt und Thema zu verraten; dies ist etwa der Hauptgrund für die Beliebtheit von Umwandlungsthemen, bei denen der Umwandlungsstein oder sein „originales Gegenstück“ verschwindet. Ähnlich ist es mit Platzwechseln, Rundläufen und Rückkehren, ähnlich ist es mit „Betrüger-Steinen“, die den (falschen) Anschein erwecken, als stünden sie schon ursprünglich auf diesem Feld (als Bauer: kämen sie von dieser Reihe), kommen aber von einem anderen Feld, einer anderen Reihe.

Wenn ihr die heutige Beweispartie gelöst oder durchgespielt habt, möget ihr doch für euch entscheiden, ob die Autoren beim Komponieren auch dieses Ziel vor Augen hatten — ob sie es dann erreicht haben?

Etienne Dupuis & Michel Caillaud
Probleemblad 2000
Beweispartie in 20 Zügen (13+14)

 

Zählen wir zunächst die sichtbaren Züge, so entdecken wir bei Weiß gerade einmal drei (bxc3 sowie Lf1-h3-g4). Bei Schwarz sind es einige mehr: 1+2+0+1+2+8=14.

Merkwürdige Zählerei bei Schwarz für Läufer und Bauern? Nun, [Lc8] wurde offensichtlich zu Hause geschlagen (dafür brauchen wir natürlich weitere Züge von Weiß!), Le4 ist also ein offensichtlicher Phönix, muss also durch Umwandlung entstanden sein. Und minimal hat er anschließend einen Zug gemacht, um nach e4 zu kommen.

Es fehlt nur ein schwarzer Bauer, der [Lc8] durch Umwandlung ersetzt haben kann: [Bh7].

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Retro der Woche 44/2020

Kürzlich ist der Preisbericht der feenschach-Retro-Urdrucke des Jahres 2016 erschienen; Preisrichter Thierry Le Gleuher vergab nur einen einzigen Preis — und dieses Stück ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert.

Andrej Frolkin
feenschach 2016, Preis
Beweispartie in 20,5 Zügen (13+12)

 

Sofort fallen in dieser eigentlich recht kurzen Beweispartie im Diagramm gleich drei Umwandlungssteine auf: eine schwarze Dame sowie ein weißer Turm und Läufer, wobei die beiden weißen auch noch auf ihren potenziellen Umwandlungsfeldern stehen.

Versuchen wir, die Züge zu zählen, dabei lassen wir die beiden weißen Steine auf der 8. Reihe einfach aus und bewerten sie mit 10 Zügen für die beiden Umwandlungen. Darüber hinaus sehen wir 2+1+2+0+0+1=6 — mit den „zehn im Sinn“ bleiben noch fünf weiße Züge frei: Das ist eine Menge!

Setzen wir bei Schwarz die Rochade voraus und gehen davon aus, dass sDb2 umgewandelt hat, so sehen wir 2+8+1+0+5+2=18 Züge – „nur“ zwei Züge sind hier frei.

Da die Bauernstruktur keine direkten Hinweise auf Schläge gibt, müssen wir nun nach anderen Stellungsmerkmalen Ausschau halten, die uns der Lösung näherbringen.

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Retro der Woche 43/2020

Heute geht in Chemnitz das Schwalbe-Treffen 2020 zu Ende: Seit Freitag haben sich Schwalben dort getroffen, um sich wieder einmal persönlich zu begegnen und (nicht nur über Problemschach) auszutauschen, um am Samstagnachmittag die Mitgliederversammlung abzuhalten.

Bei den Wahlen kandidierte nach 27 Jahren (!) Ehrenmitglied Kurt Ewald nicht mehr als DSB-Delegierter; zu seinem Nachfolger bestimmte die Versammlung Wolfgang Erben; ansonsten wurde der Vorstand mit Bernd Gräfrath als Vorsitzendem für zwei Jahre wiedergewählt.

Besonderer Dank gilt wie jedes Jahr dem Organisator der Veranstaltung, in diesem Jahr aber ganz besonders, waren Planung und Organisation durch Corona doch deutlich komplexer und änderungsanfälliger als sonst: Michael Schlosser hat dies großartig gemacht, sodass es im Rahmen der notwendigen Einschränkungen eine tolle Veranstaltung war; hoffen wir, dass es im kommenden Jahr in Wasserburg am Inn (Organisator: Rolf Kohring) wieder einfacher wird!

Michael Schlosser ist übrigens ein fleißiger Retro-Komponist – häufig mit Rekord- und Konstruktionsaufgaben. Allerdings hat er auch eine der ersten (möglicherweise die allererste) Schach-960 Beweispartie veröffentlicht. Wir erinnern uns: Die (symmetrische) Anfangsstellung wird so ausgelost, dass die Läufer auf verschiedenfarbigen Feldern stehen, dass der König irgendwo zwischen den Türmen steht. Die Rochaden werden dann so durchgeführt, dass sie anschließend „ausschauen wie orthodox“, also z.B. mit sKc8, sTd8 oder wKg1, wTf1.

Michael Schlosser
Die Schwalbe 2007
Beweispartie in 4 Zügen, Schach-960 (16+16)

 

Schach-960-Beweispartien sind normalerweise inhärent komplexer als normale, da üblicherweise nicht nur die Zugfolge, sondern auch die Anfangsstellung zu bestimmen ist. So ist es auch hier.

In der Anfangsstellung müssen sich gleichartige Offiziere auf der ersten und der achten Reihe gegenüber gestanden haben; dies gilt natürlich auch für die Könige. Beide Seiten können nicht rochiert haben, da sowohl bei Schwarz als auch bei Weiß die Könige noch zwischen den beiden Türmen stehen und ein „Rücktausch“ schon aus zeitlichen Gründen, aber vor allen Dingen auch, da kein Bauer gezogen hat, nicht möglich ist.

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