Retro der Woche 10/2022

In dieser Woche ist die erste Ausgabe 2022 des niederländischen Probleemblad erschienen. In den Retro-Lösungen zu den Urdrucken aus Heft 3/2021 fand ich ein sehr interessantes Stück, das ich euch heute zeigen möchte – speziell, weil der Sachbearbeiter Roberto Osorio hier einen interessanten Vergleich zu einer völlig anders gearteten Forderung zieht.

Jorge Lois & Roberto Osorio
Probleemblad 2021
Beweispartie in 22 Zügen (13+15)

 

Bei Schwarz fehlt nur ein Stein, nämlich ein Turm, und der starb auf b3. Bei Weiß fehlen ein Turm sowie [Bd2] und [Bh2]. Weiß kann nicht mehr geschlagen haben, also wurde [Bh2] auf h6, der fehlende Turm auf e6 und [Bd2] auf der d-Linie geschlagen worden sein.

Versuchen wir uns nun am Abzählen der sichtbaren Züge: Bei Schwarz sehen wir 5+0+3+1+0+3=12 Upps, da fehlen noch glatt zehn Züge!

Weiterlesen

Retro der Woche 50/2021

Vor zwei Wochen habe ich hier den berühmten Beweispartie-Längenrekord von Karl Fabel aus dem Jahr 1947 vorgestellt und dabei erwähnt, dass er 35 Jahre lang Bestand hatte. Dann musste ein junger Mann aus Frankreich kommen, der zur Zeit der Veröffentlichung von Fabels Rekord noch lange nicht geboren war, erst zehn Jahre später auf die Welt kam, sich dann aber sehr schnell als Riesentalent zeigte, der speziell die Beweispartie neben dem gleich alten (jungen — beide sind Jahrgang 1957) Andrej Frolkin und anderen Pionieren nach vorn, zu ihrer heutigen Blüte brachte: Michel Caillaud.

Michel Caillaud
Die Schwalbe 1982, 1. Preis, Karl Fabel zum Gedenken
Beweispartie in 47 Zügen (11+15)

 

Eine gewisse Ähnlichkeit weisen die beiden Stellungen schon im Diagramm auf: weißes Material auf der achten Reihe, schwarzes im Südwesten, ähnliche Bauernstrukturen; weitere Ähnlichkeiten werden wir entdecken, wenn wir uns die Lösung anschauen.

Weiterlesen

Retro der Woche 48/2021

Nachdem wir in der letzten Woche bereits eine Retro-Tour in die Geschichte der Retroanalyse unternommen hatten, möchte ich das heute fortsetzen und eine sehr bekannte, klassische Beweispartie (wieder) zeigen. Viele werden sie kennen, aber ich finde, die anzuschauen kann kaum langweilig werden.

Als Thomas Rayner Dawson 1913 die erste Beweispartie (P0002274) vorstellte, dachte er hauptsächlich an möglichst lange Konstruktionen, weniger an thematische Inhalte, wie wir sie heute an Beweispartien lieben. Direkt nach dem Krieg beschäftigte sich dann Karl Fabel mit dieser Rekordjagd, deren Ergebnis er in seinem Buch „Am Rande des Schachbretts“ veröffentlichte; sein Ergebnis ist auch heute noch faszinierend.

Karl Fabel
Am Rande des Schachbretts 1947
Beweispartie in 41,5 Zügen (13+14)

 

Erschreckend wenig Züge kann man direkt aus der Diagrammstellung ableiten; bei Weiß sind dies gerade einmal 8+3+1+6+0+5=23: 19 Züge sind also noch frei. Ok, wir müssen noch berücksichtigen, dass ein Turm und zwei Springer bei Weiß verschwinden müssen, dennoch bleibt viel frei. Wir werden nachher sehen, wie Fabel die daraus resultierende eigentlich extreme Nebenlösungsgefahr bannt.

Weiterlesen

Retro der Woche 27/2021

Da wird in StrateGems das Retroturnier traditionell aufgeteilt in „Beweispartien“ und (sonstige) „Retros“, und dann erwischt Dmitrij Baibikov für seine Berichte für das Jahr 2018 einen Zwitter… Diese ganz seltene Kombination ist schon interessant, denn normalerweise geht die Eindeutigkeit der Züge einer Beweispartie ziemlich komplett verloren, wenn man den „Zeitdruck“ aus der Stellung nimmt, die Auflösung ohne Zugbeschränkung durchführt.

Yoav Ben-Zvi & Michel Caillaud
StrateGems 2018, 1.-2. Preis Beweispartien
a) Welcher Offizier muss c4 besetzt haben? b) Beweispartie in 35,5 Zügen (10+15)

 

Neben dem weißen Wanderkönig fällt sicherlich schnell der schwarze Bauer auf c2 auf: Als “Volet-Bauer” kommt er von h7, hat also fünfmal geschlagen; zusammen mit exLd6 (alle anderen fehlenden weißen Steine wurden ja auf weißen Feldern geschlagen) sind damit alle fehlenden weißen Steine — in diesem Fall Offiziere — erklärt. Dieser Schlag war auch der letzte, denn vorher musste [Bh7] bereits auf c2 stehen, bevor Weiß d3 und dann L>d6 spielen konnte.

Was konnte denn der letzte Schlag d3xXc2 des [sBh7] gewesen sein?

Weiterlesen

Retro der Woche 23/2021

Vor vier Wochen habe ich hier eine aktuelle Aufgabe von Tom Volet vorgestellt – und dabei fiel mir auf, dass ich sein vielleicht bekanntestes Problem, einer meiner Lieblings-Retros überhaupt, hier noch gar nicht vorgestellt hatte. Das will ich heute nachholen!

Tom Volet
Die Schwalbe 1980, J. G. Mauldon gewidmet, 1. Preis
Auf welchen Feldern erfolgten Schlagfälle? In welcher Reihenfolge? (8+16)

 

Bei Schwarz sind alle Mann an Bord, bei Weiß fehlen acht Bauern. Dabei müssen wir mit irgendwelchen Schlussfolgerungen zunächst vorsichtig sein: Wir können nämlich nicht von Vornherein ausschließen, dass ein weißer Bauer umgewandelt hat: Das wäre zum Beispiel möglich mit c7xBd6, Bc2-c8=T, Tc6, d7xc6.

Wie kann sich nun Weiß aus seiner „babylonischen Gefangenschaft“ im Nordosten befreien?

Weiterlesen

Retro der Woche 19/2021

Kürzlich habe ich das Preisrichteramt für den Retro-Jahrgang 2020 von Phénix übernommen: etwa gleich viele Beweispartien (29) und sonstige Retros (28) stehen dort zur Beurteilung an. Ich habe mit der Reihung noch nicht begonnen, möchte euch aber aus dem Turnier ein klassisches Retro zeigen, das recht typisch für den Stil des Autors ist. Über eine mögliche Platzierung im Bericht kann ich natürlich noch nichts sagen — und selbst wenn ich es könnte, täte ich das selbstverständlich nicht…

Tom Volet
Phénix 2020
Löse die Stellung auf (14+12)

 

Die beiden fehlenden weißen Steine wurden auf e6 bzw. f6 geschlagen — wegen der Felderfarbe des Läufers geschah gxLf6 und dxSe6. Auch über die weißen Schlagfälle können wir schon eine Menge sagen: exf3, hxg sowie cxbxBa7. Der fehlende [Bc7] konnte mangels Schlagobjekten selbst nicht schlagen, musste also, um verschwinden zu können, schlagfrei auf c1 umwandeln.

Weiterlesen

Retro der Woche 53/2020

Im letzten Retro der Woche 52/2020 hatte ich eine hoch platzierte Aufgabe aus der Abteilung „Beweispartien“ des Schwalbe 2015 Retro-Preisberichts vorgestellt, heute nun ein solches Stück aus der Abteilung „Klassische Retros“.

Die drei Preise zeigen höchst unterschiedliche, aber allesamt sehr komplexe Verteidigungsrückzüger; ich möchte euch die darauf folgende Auszeichnung vorstellen, die schon mit ihrer höchst originellen Aufgabenstellung hoffentlich zum Lösen reizt.

Jens Guballa
Die Schwalbe 2015, 1. ehrende Erwähnung
Ergänze den wK und nimm den letzten weißen Zug so zurück, dass Schwarz nie mehr rochieren darf. (13+11)

 

wLh2 ist offensichtlich ein Umwandlungsstein, der aus [Ba2], dem einzig fehlenden weißen Bauern, entstanden sein muss. Einer der zwei schwarzen Schläge war bxc, der andere ist nicht durch Bauernschlag geschehen. (Achtung, nicht von der Steinkontrolle verwirren lassen: Weiß muss ja noch den König einfügen, hat also „eigentlich“ 14 Steine auf dem Brett. Sich jetzt hier auf die Angabe „13“ zu verlassen ist ebenso fahrlässig, wie beim „Partyschach“ die Klötze neben dem Brett zu zählen, nicht die auf dem Brett…)

Daher könnte man auf den Gedanken kommen, den [Th8] auszusperren, etwa indem Weiß die Rücknahme von g6-g7 erzwingt: Ein Kreuzschlag der [Bg7] und [Bh7] ist ja nicht möglich; es hätte der schwarze König Platz für den Turm machen müssen, und damit wäre das Rochaderecht verwirkt. (Das “Platz machen” hätte er ja auch durch die Rochade tun können, aber auch damit wäre je eine zukünftige Rochade ausgeschlossen…) Doch scheitert etwa +wKe5, dann zurück Kf4xTe5? an illegalem Doppelselbstschach.

Weiterlesen

Retro der Woche 28/2020

In der gerade erschienenen Ausgabe Juli-September 2020 von StrateGems ist bereits der Retro- und der Beweispartien-Preisbericht für das Jahr 2019 veröffentlicht. Wenn das so schnell geht, kann man beinahe sicher den Richter raten: Hans Gruber. Er wird in diesem Heft speziell als Preisrichter vorgestellt –mit mehr als 300 Berichten in mehr als 30 Ländern!

Von den 15 Aufgaben in der Nicht-Beweispartien-Abteilung waren 13 Anticirce-Verteidigungsrückzüger; alle vier Auszeichnungen gingen an diese Gruppe. Ich möchte euch den Preis (noch eine ehrende Erwähnung für Weeth / Wenda sowie zwei Lobe für Aufgaben von Andreas Thoma) vorstellen:

Günther Weeth & Klaus Wenda
StrateGems 2019, Preis
s#1 vor 10 Zügen, Verteidigungsrückzüger Typ Klan, Anticirce Calvet (6+10)

 

Weiß will also ein einzügiges Selbstmatt vor zehn Zügen erzwingen; Schwarz versucht sich zu verteidigen, indem er legale Züge zurückspielt, die diese Vorwärtsforderung möglichst verhindern. Beim Typ Klan (KLaus Wenda & ANdreas Thoma) bestimmt Weiß jeweils ob und was legal entschlagen wird, bei den älteren Typen Proca und Høeg bestimmt die die Partei am Zug bzw. die Gegenpartei.

Soweit der „ganz normale“ Verteidigungsrückzüger, hier kommt nun Anticirce hinzu: Dabei wird nicht wie beim „normalen“ Circe das Schlagopfer wiedergeboren, sondern der „Schläger erscheint auf seinem circensischen Feld der Partieanfangsstellung (PAS) wieder; ist dieses besetzt, ist der Schlag illegal und damit nicht möglich.

Hier gilt es, zwei mögliche Interpretationen der letzten Regel zu berücksichtigen: Man könnte sagen, dass das Schlagen auf das eigene PAS-Feld verboten sei, da das Feld ja (vor dem Schlag) besetzt sei. Genauso gut kann man argumentieren, dass der Schlag aufs eigene PAS-Feld zulässig sei, da das Feld ja nach Schlag und vor der circensischen Wiedererstehung ja frei sei. Die erste Alternative trägt den Namen „Cheylan“, die zweite den Namen „Calvet“.

Hier bestimmt also Weiß jeweils bei möglichen Schlägen, ob und was entschlagen wurde, und der Schlag aufs PAS-Feld des Schlägers ist zulässig.

Bei Anticirce-Verteidigungsrückzügern sind einerseits die Entschlagmöglichkeiten drastisch reduziert, weil ja nur Steine auf ihrem PAS-Feld entschlagen können -– das aber drastisch die Möglichkeiten erweiternd quasi überall auf dem Brett!

Weiterlesen