Retro der Woche 44/2021

Vor gut einer Woche hatte ich auf den (vorläufigen) Preisbericht des diesjährigen Champagne-Turniers, das Michel Caillaud schon seit vielen Jahren in Zusammenhang mit dem WCCC ausrichtet, berichtet. Nun möchte ich euch heute die siegreiche Beweispartie vorstellen.

Silvio Baier
Champagne-Turnier 2021, 1. Preis Gruppe A
Beweispartie in 28 Zügen (11+15)

 

Ihr erinnert euch vielleicht noch an das vorgegebene Thema? Derselbe Stein schlägt mindestens zwei Umwandlungsfiguren.

Betrachten wir zunächst die Schlagbilanz: Bei Weiß fehlen fünf Bauern, von denen nur [Bb2] direkt geschlagen werden konnte; alle vier anderen fehlenden Bauern mussten sich umwandeln, um sich schlagen zu lassen oder einen geschlagenen Originalstein zu ersetzen; damit sind alle fehlenden weißen Steine erklärt. Geschlagen wurden sie entweder mit exdxcxb und fxe oder (beim geforderten Thema noch attraktiver) mit fxexdxcxb.

Damit ist zugleich der einzige weiße Schlagfall klar: Auch [Bh2] musste sich umwandeln, dazu musste er hxBg spielen, denn sBh4 hat ja keine Schlagmöglichkeit mehr.

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Retro der Woche 43/2021

In der letzten Woche hatte ich hier den ersten Preis der Beweispartie-Gruppe im Schwalbe-Informalturnier 2019 vorgestellt, heute geht es um das Pendant aus der Gruppe B „Rückzügr und andere klassische Retroprobleme“. Nein, keine Panik ob der sehr märchenhaften Forderungen, der Preisrichter Thomas Kolkmeyer beruhigt uns schon mit seiner Vorbemerkung zu dieser Aufgabe: „Hier stimmt einfach alles: Das Problem reizt zum Lösen, es ist überschaubar und ganz logisch.“

Andreas Thoma
Die Schwalbe 2019, 1. Preis Gruppe B
#1 vor 28 Zügen VRZ Høeg, Anticirce Cheylan (7+9)

 

Ich lade euch also herzlich ein, das zu erkunden. Aber erst noch einmal zur Forderung: Im Verteidigungsrückzüger (VRZ) hat Weiß das Ziel, nach der abwechselnden Rücknahme der angegebenen Züge (hier also 28 weiße und, da Weiß beginnt, 27 schwarze) die Vorwärtsforderung (hier also #1) zu erfüllen; Schwarz versucht, das abzuwehren. Beim Typ Høeg bestimmt die Gegenseite jeweils, ob und welcher Steih geschlagen wurde — natürlich alles im Rahmen der Legalität. Im Anticirce wird der schlagende Stein auf seinem entsprechenden Feld der Partieausgangsstellung wiedergeboren, das frei sein muss, damit ein Schlag möglich ist. Im Typ Cheylan darf nicht auf das eigene Partieausgangsfeld geschlagen werden, das wird als „besetzt“ angesehen.

Anhand des Kommentars, der Beschreibung von Preisrichter Thomas Kolkmeyer kann man, glaube ich, recht gut der Lösung folgen; ein wenig mit Verteidigungsrückzügern vertraute können danach sicher selbst Löseversuche unternehmen, die anderen sollten sie vielleicht zwei- oder dreimal nachspielen, um dann auch die Feinheiten der Lösung zu entdecken.

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Vorläufiger Preisbericht Champagne-Turnier 2021

Ende September hatte ich hier die Ausschreibung zum traditionellen Champagne-Turnier, das Michel Caillaud stets im Zusammenhang mit dem WCCC ausrichtet, veröffentlicht. Das Thema lautete: Derselbe Stein schlägt mindestens zwei Umwandlungsfiguren.

Nun hat Michel den vorläufigen Preisbericht herausgegeben: Bisher nur die Diagramme mit den Autoren und Auszeichnungen, noch ohne Lösungen. Da bleibt also noch Platz zum Selbstlösen — und Kochen …

NAtürlich werde ich den vollständigen Bericht hier nachreichen!

Bernd Schwarzkopf 75

Heute gehen herzliche Glückwünsche in den Rheinkreis Neuss, wo Bernd Schwarzkopf seinen 75. Geburtstag feiert.

Viele kennen Bernd, den es wie mich aus Westfalen ins Rheinland gezogen hat, sicher von Schwalbe- und Andernach-Treffen, wo er quasi nie fehlt, kennen ihn als jemanden, der in seinen zahlreichen Kompositionen (die PDB enthält fast 1400 von ihm, davon mehr als ein Viertel Retros) seine Meisterschaft in der Kleinkunst beweist, der in Aufsätzen tiefsinnig Themen ausschöpft, der gern Text- und Konstruktionsaufgaben erfindet und mit unglaublichem Eifer an einer möglichst knappen und eindeutigen Formulierung der Forderungen feilt.

Und wir alle haben schon von seiner gründlichen, präzisen und unglaublich schnellen Arbeit „im Hintergrund“ profitiert: Als „Dschungelbuch“-Sammler, langjähriger Bücherwart der Schwalbe, besonders aber als Jahrzehnte langer Ersteller der unglaublich hilfreichen, weil akkuraten und ausführlichen, Inhaltsverzeichnisse für Schwalbe, feenschach und die Problemkiste. Für seine Verdienste um die Schwalbe wurde ihm im Jahre 2006 die Goldene Ehrennadel verliehen.

Ich wünsche dir für den heutigen Tag schönes Feiern, für das nächste Vierteljahrhundert alles denkbar Gute, vor allen Dingen natürlich Gesundheit und weiterhin viel Spaß und Erfolg mit unserem gemeinsamen Lieblingshobby.

„Für zwischendurch“ habe ich ein sehr nettes Asymmetrie-Stück herausgesucht: Viel Spaß beim Knobeln! Die Lösung findet ihr wie immer in etwa einer Woche hier.

Bernd Schwarzkopf
Problemkiste 09/2013
-1, dann =3 (4+3)

 

 

 

Lösung

R: 1.Ke1-d1 & vor: 1.0-0-0+! Ke2 2.Tgf1 c2 3.Kxc2=

Da ist auch sofort klar, warum nicht “zur anderen Seite hin” zurückgenommen werden kann!

Retro der Woche 29/2021

Und heute nun die Fortsetzung der Berichterstattung vom StrateGems 2018 Retroturnier, die ich im RdW 27/2021 und 28/2021 schon begonnen hatte. Kurios ist es ja schon, dass hier nun das dritte Stück mit „1.-2. Preis“ im selben Turnier auftaucht — das kommt natürlich von der Gruppenbildung, und in beiden Gruppen ging es halt mit geteilten Preisen los…

Silvio Baier & Roberto Osorio (nach Nicolas Dupont)
StrateGems 2018, 1.-2. Preis Beweispartie
Beweispartie in 32,5 Zügen (11+16)

 

Bei Weiß sind noch alle Mann an Bord, wobei ein Bauer seine Gattung gewechselt hat: drei weiße Springer, sieben weiße Bauern.

Bei Schwarz fehlen die Dame sowie [Ba7], [Bd7], [Be7] und [Bh7]. Bei Weiß sehen wir fünf Schlagfälle: axbxc7, dxc, exf und hxg3. Daran sehen wir auch gleich, dass die schwarzen Bauern allesamt (schlagfrei) umwandeln mussten, da Weiß ja noch alle 16 Steine hat.

Damit kennen wir nicht nur zwei, sondern bereits 22 schwarze Züge. Darüber hinaus muss Schwarz aktiv seine Dame geopfert haben, somit bleiben noch neun Züge übrig, um die vier Umwandlungssteine wieder loszuwerden. Theoretisch könnten Umwandlungssteine ja noch auf dem Brett stehen und damit die Originalsteine im Diagramm ersetzen (Phoenix-Thema). Das aber würde noch mehr schwarze Züge erfordern: für einen vierfachen Ceriani-Frolkin, den wir hier nun vermuten können, sind neun „Opfer-Züge“ schon recht sparsam.

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Retro der Woche 28/2021

In der letzten Woche hatte ich einen „Zwitter“ aus dem StrateGems Retro-Preisbericht 2018 vorgestellt; heute soll eines der klassischen Retrostücke, die auf den ersten beiden Plätzen landete, vorgestellt werden

Joaquim Crusats & Andrej Frolkin
StrateGems 2018, 1.-2. Preis (klassische) Retros
Letzte drei Einzelzüge? (12+13)

 

Den allerletzten Zug sehen wir sofort: R 1.– g7-g6+. Den Käfig von Südwesten bis Nordosten können wir offensichtlich nur durch die Rücknahme von e7xXf6 auflösen; vorher müssen aber [Th8] und [Lf8] nach Hause gebracht worden sein.

Die Schläge durch Schwarz sind leicht zu sehen: das bereits erwähnte e7xf6; zusätzlich ist sBg2 der [Bd7], benötigte also die restlichen drei Schläge. Der fehlende schwarze Bauer [Bb7] schließlich musste schlagfrei auf b1 in die zweite schwarze Dame umwandeln.

Dies hilft uns dann auch, die weißen Schläge zu identifizieren: einmal gxh, dann mussten [Ba2] und [Bb2] umwandeln, damit Schwarz die fehlenden weißen Steine schlagen konnte. Offensichtlich brauchten wir axb (NICHT [Bb7], da der umwandeln musste) und bxc, um [Bb7] den Weg frei zu machen.

Wir sehen aber schon, dass etwa g4xTh5 nicht erfolgreich sein kann, da der schwarze Turm den Käfig nicht vorab verlassen kann, also nicht nach h8 gespielt werden kann. Deswegen muss aus dem Käfig die Umwandlungsdame freigespielt werden.

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Nikita Plaksin 90

Nikita Plaksin ist sicherlich einer der bekanntesten, produktivsten und besten Retro-Komponisten aller Zeiten; heute vollendet er sein 90. Lebensjahr — ihm ganz herzliche Glückwünsche zum Geburtstag!

Seit dem Jahr 2001 ist der Wasserbau-Ingenieur FIDE-Meister für Schachkomposition (16,5 Album-Punkte); bereits seit 1989 ist er Internationaler Preisrichter für Retros. Allein in der PDB sind von ihm 1520 Retros enthalten, von denen er fast 1150 in feenschach veröffentlicht hat. Das liegt vor allen Dingen daran, dass er sich intensiv mit “Märchen-Retros” beschäftigt hat, speziell mit Lastmovern-Ökonomierekorden, dies häufig gemeinsam mit Andrej Kornilow.

Besonders bekannt ist er aber für seine beinahe 100 Aufgaben mit Nutzung der 50-Züge-Regel, wonach ein Remis (bei Retros automatisch!) eintritt, wenn seit 50 Zügen kein Schlag oder Bauernzug stattgefunden hat — meist wird auch die Rochade als “die Regel unterbrechender Zug” hinzugezählt. 1979 hat Plaksin dazu in Problem einen bekannten Artikel 50×50 veröffentlicht, in dem er — ihr ahnt es — 50 eigene Aufgaben mit diesem Thema vorstellt. Sehr lesens- und studierenswert, aber nicht gerade “leichte Kost” wegen der doch recht lakonischen Lösungsangaben.

Als Beispiel möchte ich eine Aufgabe aus den Märchen-Lastmove-Untersuchungen zeigen, allein schon um zu demonstrieren, dass auch die Verwendung zweier Märchenarten nicht automatisch schwer zu lösende Stücke hervorbringen.

Nikita Plaksin & Andrej Kornilow
feenschach 12/1982
Letzter Zug? Circe, monochromes Schach (5+1)

 

Bei diesem Stück solltet ihr euch aber auch Gedanken zumindest über den vorletzten Zug machen. Die Lösung folgt an dieser Stelle traditionsgemäß in etwa einer Woche.

Lösung

Mit letztem Zug von Schwarz klappt es nicht: R 1.– Kb1-a2/Kb1xBa2 2.0-0+ Kc2-b1: Weiß hat keinen legalen letzten Zug.

Also R 1.0-0! Kb1xTa2!, und nun hat Weiß Tempozüge mit seinem Umwandlungsturm, und der schwarze König kann via c2-d1-e2-f3 nach draußen kommen.

Und warum ging nicht R 1.– Kb1-a2 2.0-0 Kc2xTb1? Weil der Turm als Umwandlungsstein (das Original steht ja auf h1!) wegen “monochrome” niemals auf die erste Reihe gelangen konnte!

Klein und unscheinbar, aber doch mit einigem Tiefgang!

R.I.F.A.C.E. 2021

Unsere französischen Problemschachfreunde treffen sich an diesem Wochenende zu ihrem traditionellen R.I.F.A.C.E. in Charenton-le-Pont (Paris), dem Heimatort von Jean-Michel Trillon (21.8.1929-1.3.2007).

Traditionell gibt es bei diesem Treffen wieder ein Retro-Kompositionsturnier, das auch für Nicht-Teilnehmer offen ist. In diesem Jahr geht es um Vorgabepartien; die Ausschreibung benennt als Einsendeschluss den kommenden Sonntag (11.7.21) 15 Uhr unserer Zeit. Dort findet ihr auch Hinweis zum Computertesten.

Viel Spaß und Erfolg für euch, herzliche Grüße nach Frankreich!