Retro der Woche 14/2013

Zunächst einmal wünsche ich euch ein frohes Osterfest! Und wenn ihr nun die Ostereier im Garten unter den Schneebergen gefunden habt, freut ihr euch vielleicht, im Warmen sitzend bei einem Glas Glühwein das neue Retro der Woche anschauen und lösen zu können?!

Im heutigen Retro der Woche verbirgt sich auch ein Osterei: e2 ist nämlich ein „magisches Feld“: Diese Erfindung von Albert H. Kniest ist ganz einfach erklärt: Betritt ein Stein (außer einem König) ein magisches Feld, ändert er seine Farbe. Das kann schon im Vorwärtsspiel zu interessanten Strategien und Lösungen führen, aber besonders interessant finde ich es in Retro-Aufgaben.

Günther Weeth hatte die magischen Felder speziell im Zusammenhang mit Anticirce-Procas (siehe zum Beispiel das Retro der Woche 11/2013) wieder belebt, nachdem sie eine Weile nicht so häufig genutzt worden waren, und so lag es nahe, im von feenschach ausgeschriebenen Turnier zur Feier seines 75. Geburtstages magische Felder zu fordern.

Aus dem Preisbericht, der im Heft 194 (Juli-August 2012) erschienen ist, möchte ich hier den 2. Preis vorstellen.

Dirk Borst
63. feenschach Thematurnier 2012, 2. Preis
Stellung nach dem 23. Zug (16+13); magisches Feld e2
Die Fragen, die der Autor dazu stellt, sind:

  1. Wurde der schwarze Turm a8 geschlagen?
  2. Welche Rochaderechte haben Weiß und Schwarz noch?

Irgendwelche Abzähl-Versuche der schwarzen oder weißen Züge sind zwecklos — welchen Ansatz für eine Antwort auf die Fragen könnten wir finden? Doch, den wesentlichen Hinweis gibt die Zügezahl! Weiß hat eine ungerade Anzahl von Zügen gemacht — das aber geht in der Partieausgangsstellung doch gar nicht?! Doch: Das geht hier wegen des magischen Feldes! Das bedeutet also, dass der weiße E-Bauer gezogen haben muss, dass also ein ehemals schwarzer Bauer nun auf e2 steht. Und das ist dann offensichtlich der sB von g7; ein anderer kommt nicht in Frage. Wen aber hat er (neben dem weißen e-Bauern) geschlagen?
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Retro der Woche 13/2013

Gelegentlich nutzen Komponisten „Spezialregeln“, um ihre Aufgaben korrekt zu bekommen; speziell in den Frühzeiten des Problemschachs waren Forderungen wie „Matt in 26 Zügen, ohne einen Bauern zu ziehen“ gar nicht so selten. Wenn dies nicht einfach nur dazu diente, Nebenlösungen auszuschalten, sondern wesentlich zum Inhalt der Aufgabe beitrug, war dies natürlich von ganz anderer Qualität.

So ist auch heute die Einschätzung der Verwendung von Märchenbedingungen nicht nur in der Retroanalyse, sondern auch in Vorwärtsproblemen: Die Bedingungen müssen inhaltlich gerechtfertigt sein.

Die sehr einfach zu verstehende Bedingung „Duellantenschach“ (Definition aus dem Schwalbe MärchenlexikonDer einmal gewählte Stein des Startzuges einer Partei muss auch alle folgenden Züge seiner Partei bestreiten. Ist dies nicht mehr möglich, bringt ein neuer Startzug einen neuen Duellanten ins Spiel. Die Schachwirkung aller Steine bleibt normal erhalten.) kann natürlich dazu „missbraucht“ werden, einfach Duale zu vermeiden. Sie kann aber natürlich auch thematisch genutzt werden, beispielsweise um Ablösungen zu thematisieren.

Dies habe ich vor einiger Zeit in einer Beweispartie versucht; allzu schwer sollte sie nicht zu lösen sein.

Thomas Brand
8706 feenschach 2002, 1. ehrende Erwähnung
Beweispartie in 9,5 Zügen, Duellantenschach (15+16)
Bei Schwarz haben, das sieht man schnell, neun verschiedene Steine gezogen — also hat es nach jedem schwarzen Zug einen Duellantenwechsel gegeben, und damit ist auch das Thema der Aufgabe schon klar. Nun gilt es also „nur“ noch, einerseits die Reihenfolge der Duellantenwechsel zu finden und dafür die Begründungen zu entdecken.
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Retro der Woche 12/2013

Seit einiger Zeit bin ich mit der Bewertung der über achtzig Einsendungen zur Retro-Abteilung des WCCI 2010-2012 beschäftigt. Das ist eine sehr spannende Aufgabe, die gleichzeitig den angenehmen Nebeneffekt hat, dass ich darunter auch die eine oder andere Aufgabe finde, die für die Wochen-Rubrik gut geeignet erscheint.

Einige Aufgaben, die ich hier bereits veröffentlicht habe, habe ich auch bei den Einsendungen wiedergefunden. Heute möchte ich als „neues“ Stück eine Beweispartie von Nicolas Dupont aus Lille vorstellen:

Nicolas Dupont
StrateGems 2011(v), 1. Preis
Beweispartie in 30 Zügen (13+13)
Das ist nicht nur wegen der recht hohen Zügezahl nicht einfach zu lösen: Weder kommen wir mit der reinen Betrachtung der Schlagfälle weiter noch mit dem Zählen der weißen und/oder schwarzen Züge. Allerdings fehlen auf beiden Seiten je drei Bauern, die ich aber im Zentrum nicht gegenseitig geschlagen haben können — Umwandlungs-Thematik ist also klar.
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Matt durch den König

Schon im letzten Retro der Woche haben wir gesehen, dass es unter bestimmten (Märchenschach-)Bedingungen möglich ist, dass ein König seinen Widerpart mattsetzen kann. Im Anticirce ist dies natürlich auch bei Verteidigungsrückzügern möglich, wobei es ganz unterschiedliche Wege gibt, dies zu erzwingen.

Wolfgang Dittmann hat nun die Möglichkeiten hierfür systematisch untersucht und in einem Aufsatz mit 10 Beispielaufgaben dargestellt. Ich freue mich riesig (und bin ehrlich gesagt ziemlich stolz darauf), dass er mir diesen Artikel zur Veröffentlichung hier im Blog überlassen hat! Wolfgang, nochmals ganz herzlichen Dank dafür! Und mein Dank geht auch an Günther Weeth, der den Artikel ins Englische übersetzt hat, so dass er auch über den deutschen Sprachraum hinaus die Aufmerksamkeit erlangen kann, die er verdient.

Den Artikel Der König setzt matt! Anticirce-Tricks im Verteidigungsrückzüger kann ich nur jedem zur Lektüre empfehlen: Den Spezialisten wegen der systematischen Darstellung, den Noch-nicht-Spezialisten, jedem Retrofreund allein schon wegen der gut kommentierten und erläuterten Aufgaben: Sicherlich eine der besten Möglichkeiten und Gelegenheiten, sich ein wenig in das Thema „Anticirce-Procas“ einzuarbeiten — etwas Mühe ist da am Anfang schon erforderlich, aber es lohnt sich.

Viel Spaß bei der Lektüre!

Retro der Woche 11/2013

In seinem Aufsatz „Beckmesser versus Stolzing Reflexionen zur Legalität unter der Anticirce-Bedingung“ (feenschach 144, November-Dezember 2001, S. 275-277) beschäftigte sich Klaus Wenda mit Fragen der Legalität von Stellungen in Märchenschachaufgaben am Beispiel der Anticirce-Bedingung.

Bei Anticirce wird der Schläger (nicht das Schlagopfer wie beim „normalen“ Circe)  circensisch auf sein Feld in der Partieausgangsstellung zurückversetzt, der geschlagene Stein verschwindet. Ist dieses Feld besetzt, ist der Schlag nicht möglich. Ein schlagender wK erscheint also auf e1, eine schlagende sD auf d8. Beim Läufer ist das Ursprungsfeld aufgrund seiner Felderfarbe klar, bei Türmen und Springern nimmt man die Farbe des Zielfelds als Kriterium: Schlägt ein sT also nach b3, so wird er auf a8 „wiedergeboren“, bei einem Schlag nach b4 würde er auf h8 wiedererstehen. Für Bauern bestimmt die Reihe ihres Schlages das Wiedererstehungsfeld: Bei e4xd5 kommt der weiße Bauer also nach d2 zurück.

Nach dieser Definition ist unklar, ob ein Stein auf ihr Ursprungsfeld schlagen darf: Ist dies verboten („Das Ursprungsfeld ist ja besetzt“), so spricht man vom „Typ Cheylan“; ist dies erlaubt („Das Ursprungsfeld wird durch den Schlag ja frei“), so spricht man vom „Typ Calvet“.

Aus diesen Regeln ergibt sich z.B. dass eine Stellung wBe6, sBe4 illegal ist, d.h. unter Anwendung der Anticirce-Regel nicht erspielt werden kann (warum?).

Für „Vorwärtsspiel“-Aufgaben ist das eigentlich nicht wichtig, da „Legalität“ von Stellungen normalerweise bei Märchenaufgaben nicht betracht wird. Anders aber ist es natürlich bei Märchen-Retros! Und dort können solche Fragen gar thematisch werden.

Dies wollte Klaus Wenda in seinem erwähnten Aufsatz an Hand eines „kleinen Schemas“ in Form eines Verteidigungsrückzügers vom Typ Proca zeigen.

Klaus Wenda
KW/3v 144 feenschach 2001, Lob
S#1 vor 2 Zügen, VRZ Proca, Anticirce Typ Cheylan (6+3)
sKa1 steht nicht im Schach, da d1 besetzt ist (also kein Dame-Schach) und auch a1 besetzt ist (Typ Cheylan, kein Turmaschach).
Der weiße König ist im Retrospiel auf e1 sehr mächtig, da er überall auf dem Brett einen beliebigen Schlagzug zurücknehmen kann (, nach dem er dann auf e1 gelandet ist).

Nun werden also drei Einzelzüge zurückgenommen (Weiß, Schwarz, Weiß), nach denen Weiß sein Selbstmatt erzwingen will. Und das geschieht so:
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Retro der Woche 10/2013

Gerade einmal 23 Jahre alt (* 19. Januar 1990) ist der Bulgare Nikolai Beluchow, der in den letzten Jahren als Riesen-Retrotalent aufgefallen ist. Er beschäftigt sich überwiegend mit klassischen Retros sowie mit ausgefallenen und originellen Aufgaben „am Rande des Schachbretts“, die auch einen Karl Fabel verzückt hätten.

Eine klassische Aufgabe von ihm möchte ich heute vorstellen:

Nikolai Beluchow
R0177 StrateGems IV-VI/2011
Löse die Stellung auf (11+14)
Beginnen wir wie üblich mit der Inventur:
Das Schachgebot gegen den schwarzen König kann nur entstanden sein durch den letzten Zug R 1.a7xXb8=T+, damit und mit dem Doppelbauern auf der d-Linie sind die beiden fehlenden schwarzen Steine erklärt.

Insbesondere können die weißen Bauern auf g7 und (nun auch wieder) auf a7 nicht geschlagen haben. Dies erfordert also einen freien Weg zurück, d.h. b7xa6, a7xb6 und h7xg6. Damit kommt der schwarze f3-Bauer von g7, muss aber für den Entschlag zunächst den wBg7 durchlassen. Damit sind zusammen mit dem wLc1, der zu Hause geschlagen wurde, alle Schlagfälle erklärt.
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Retro der Woche 9/2013

Und schon wieder gilt es, mit einem Glückwunsch zum Geburtstag zu beginnen: Am gestrigen Samstag (23. Februar) konnte Gerd Wilts den Beginn des nächsten Lebensjahrs feiern: Von mir und sicher allen Lesern hier alles Gute fürs neue Lebensjahr!

Gerd Wilts ist der Vater und Betreiber der Problem Data Base, einer schier unerschöpflichen Quelle nicht nur für Retrofreunde. Verschiedene Sammlungen sind in der Zwischenzeit dort digitalisiert und stehen damit der problemschachlichen Allgemeinheit  zur Verfügung: Sei es die berühmte „Niemann-Hilfsmatt-Sammlung“, seien es die Felber’schen Miniaturen oder die Reflexmatts von Paul Valois, um nur einige zu nennen.

Schon 1991, also gerade mal als Twen, hat Gerd Wilts zusammen mit Andrej Frolkin das Buch „Shortest Proof Games — The Rubik’s Cube of a Chess Player“ veröffentlicht: A collection of more than 160 Shortest Proof Games. Damit waren die meisten der bis dahin erschienenen dualfreien Beweispartien erfasst — allein daran kann man ermessen, welch gigantische Entwicklung dieses Genre in den letzten gut 20 Jahren genommen hat. Das Büchlein der beiden, heute eine längst vergriffene Rarität, hat sicherlich nicht unwesentlich dazu beigetragen.

In dem Buch ist unsere heutige Aufgabe der Woche von Gerd Wilts als Original erschienen.

Gerd Wilts
31 Shortest Proof Games 11/1991
Beweispartie in 17 Zügen (14+16)
Beginnen wir wie üblich mit der Inventur: Schwarz hat noch „alle Mann an Bord“, während bei Weiß optisch der d- und der g-Bauer fehlen.
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Werner Keym

Heute gehen herzliche Glückwünsche nach Meisenheim am Glan, wo Werner Keym Geburtstag feiert.

Lieber Werner, für dein neues Lebensjahr wünsche ich dir (sicher im Namen aller Mitleser) alles Gute, Gesundheit, alles, was du dir selbst wünscht — und uns allen weiterhin so geistreiche und „eigenartige“ Schachprobleme, wie wir sie so von dir mögen.

Aus „Eigenartige Schachprobleme“, deinem faszinierenden Buch, das du 2010 den Schwalbe-Mitgliedern geschenkt hast, habe ich beinahe wahllos ein Stück herausgegriffen, das ich hier zum Anschauen, Knobeln und Lösen vorstellen möchte.

Werner Keym
Stuttgarter Zeitung 2002
Weiß nimmt den letzten Zug zurück und setzt mit einem nicht-identischen Zug matt. Wie viele solche Rücknahmezüge gibt es jeweils? (3+2)   
b)-d) gedreht um 90/180/270° (wK c2/b6/f7)
Die Lösungen will ich im Detail gar nicht verraten, knobelt sie selbst aus, viel Spaß dabei! Verraten sei nur die Anzahl der Lösungen: 5-3-1-0.